Rhythmus und Entwicklungsphasen Ein Leitgedanke der Waldorfpädagogik ist, dass sich die menschliche Entwicklung in Rhythmen vollzieht. Dabei spielt der Siebenjahresrhythmus eine besondere Rolle. Im zweiten Jahrsiebt erlebt das Kind seine Welt vor dem Hintergrund von Gedächtniskräften, Phantasie und Denkvermögen. Die Waldorflehrer und Lehrerinnen wirken vor dem Hintergrund: Lerne die Welt zu begreifen, es lohnt sich, in ihr zu lernen und zu arbeiten. Das Kind will das Lernen der eigenen Seelensicherheit am Erwachsenen erleben. Das Kind orientiert sich an Erwachsenen, die nach bestem Wissen und Gewissen Klarheit in der Einschätzung ihrer Sache finden. Urteilssichere Erwachsene tun dem Kind gut. Während des dritten Jahrsiebts erlebt der junge Mensch „seine" Welten, die innere wie die äußere. Urteils- und Kritikfähigkeit geben dem Denken Kontur. Sich selber etwas zielgerichtet zu erschaffen, gewinnt an Bedeutung. Die Waldorfschule fördert nun verstärkt die Neigungen und Fähigkeiten der Schüler und will ihre Fähigkeit, sich selber etwas zu erarbeiten, stärken. Wenn das allgemeine Interesse für die Welterscheinungen in einem Jugendlichen geweckt werden kann, dann kann den Vereinseitigungen von Dauerpartys, ständiger TV-, Musik- und PC-Konsum oder den Gefährdungen von Drogen aktiv entgegen gewirkt werden. Kopf, Herz und Hand Die Waldorfpädagogik verfolgt in dem Sinne einen ganzheitlichen Ansatz, als dass dem Wahrnehmen und Empfinden neben dem Erklären und dem Kognitiven ein ganz großer Stellenwert eingeräumt wird. Geist, Seele und Körper gleichermaßen anzusprechen ist der Anspruch. So werden beispielsweise Fremdsprachen von der ersten Klasse an gelehrt (derzeit Französisch und Englisch), allerdings nicht mittels Grammatik, sondern unter anderem im Rahmen von Singspielen, Szenen und Gedichten, die Aussprache, Mimik, Musik und Tun verbinden. Die Buchstaben, verstanden als Bausteine der Schrift und der Sprache, werden nicht als abstrakte Zeichen, sondern als lebendige und farbige Bausteine begriffen; ähnliches gilt auch für die Ziffern und Zahlen. Gerade in den unteren Klassen werden Waldorflehrer vermeiden, den Lehrstoff abstrakt und rein intellektuell zu vermitteln. Mit aus diesem Grunde lernen Waldorfschüler Lesen und Schreiben später als Schüler an Regelschulen. Ein anderer Grund mag darin liegen, dass die Waldorflehrer äußerst sparsam sind, wenn es darum geht, Schulbücher einzusetzen; vielmehr erarbeiten sich Lehrer und Schüler ihre Epochenhefte, die ihnen als Nachschlagewerke dienen, selber. Die Waldorfschule entspricht somit eher einer „lebendigen Lernwerkstatt" als einer „Belehrungsanstalt". Die Vielfalt der Fächer und daraus resultierend die Stundenzahl, die in der Regel über jene anderer Schulen hinausgehen, vermittelt den Kindern und Jugendlichen eine breite Allgemeinbildung. Unterricht in Epochen Die Klassenlehrer begleiten ihre Klasse in der Regel acht Jahre lang. Dies ermöglicht den Klassenlehrern, ihre Schüler aus der langjährigen Kenntnis ihrer individuellen Entwicklung zu fördern. In dieser Zeit unterrichten sie so gut wie alle Fächer (Malen, Zeichnen, Rechnen, Lesen, Schreiben, Flöten, Heimatkunde, Biologie, Physik usw.), „nur" Sport, Eurythmie, Musik, Religion, Gartenbau, teilweise die Sprachen und die handwerklichen Fächer werden von Fachlehrern angeboten. In Fächern, die der regelmäßigen Übung bedürfen, wie Fremdsprachen, künstlerische, praktische und Bewegungsfächer werden die Klassen oft aus pädagogischen und praktischen Notwendigkeiten geteilt. In den ersten zwei täglichen Schulstunden findet für alle Schüler der Hauptunterricht in der Zeit von 8 bis 10 Uhr statt. Über 3 bis 4 Wochen hinweg behandelt der Klassenlehrer den Lehrstoff im Rahmen von so genannten Epochen (beispielsweise Schreib- oder Leseepoche). Diese intensiven und kontinuierlichen Lehr- und Lernphasen machen es den Schülern möglich, alle Phasen des sinnvollen und tiefgreifenden Lernens zu durchlaufen: vom Wahrnehmen über das Verstehen zum Üben bis hin zum Verinnerlichen. Darüber hinaus wird der Stoff in fortlaufenden Übstunden gefestigt. Dabei streben die Waldorflehrer danach, die einzelnen Stunden „erziehungskünstlerisch" zu gestalten. Das heißt, die jeweilige Stunde soll ein künstlerisches Werk sein, das im Verbund zwischen Schülern und Lehrer entsteht. In den unteren Klassen sind Hausaufgaben nicht fester Bestandteil des Lernens, vielmehr liegt ihr Sinn eher darin, etwas in der Schule Begonnenes zu Hause „fertig machen zu dürfen". Der möglichst altersgleiche Klassenverband bleibt während der gesamten Schulzeit im Wesentlichen bestehen. Musizieren und Eurythmie Von der ersten Klasse an erlernen die Kinder zwei Instrumente, Flöte oder Leier. Darüber hinaus ergreifen viele Kinder frühzeitig ein Orchesterinstrument, so dass sich Schüler, Lehrer und Eltern über die häufigen Auftritte des Unter-, Mittel- und Oberstufenorchester freuen können. Das tägliche Singen verbunden mit den Stimmübungen, soll die Musikalität der Kinder wecken. Chor und Orchester sind willkommene Möglichkeiten für die Schüler, andere wahrzunehmen, Rücksicht zu nehmen und zugleich selbst ihr Bestes zu geben. Die von Rudolf Steiner begründete Bewegungskunst Eurythmie ist sichtbarer Ausdruck von Musik und Sprache. In der Eurythmie werden Bewegungsbilder, wie sie beispielsweise aus den kosmischen Bahnen oder dem Entstehen einer Pflanze abgeleitet werden können, tänzerisch nachempfunden. Dabei werden Urbewegungen sowie jene Kräfte und Bewegungen aufgegriffen, die den menschliche Körper gebildet haben, als geometrische Choreographien im Raum nachempfunden. Jedem Laut der Sprache und jedem Ton ist eine Gebärde zugeordnet. Die Kinder lernen die Eurythmie schon im Kindergarten kennen und sie begleitet sie bis in die höchsten Klassen. Die Waldorfschule sieht in der Förderung der künstlerischen Beweglichkeit des Körpers eine der besten Grundlagen für die Entwicklung geistiger Beweglichkeit. Sprechen, Fremdsprachen und bildende Künste Sprachen und Sprechen werden an der Waldorfschule als Ausdruck der Kultur verstanden. Den Kleinen werden schon in den ersten Wochen ihrer Schulzeit Sprachen lautmalerisch nähergebracht. In den unteren Klassen wird dem gemeinsamen Rezitieren mit einem besonderen Augenmerk auf den rechten Sprachrhythmus und die richtige Sprachmelodie mehr Wert zugestanden als der Grammatik und dem Wortschatz. In den höheren Klassen wendet sich der Schwerpunkt dann hin zu den lyrischen, epischen und dramatischen Texten vor dem Hintergrund eines differenzierten Umgangs mit der Sprache. Schon in der ersten Klasse werden zwei Fremdsprachen - im Idealfall von Muttersprachlern - unterrichtet. Dank den Nachahmungskräften der Kleinen fällt ihnen das Einfühlen in die fremde Sprache leicht. Auch hier sind Tonfall und Sprachmelodie wichtiger als Grammatik und Wortschatz, was sich etwa ab der 4. Klasse ändert. In den unteren Klassen hat das zeichnerische und malerische Gestalten einen großen Stellenwert: Das bildhafte Vermitteln des Lehrstoffes macht ihn anschaulich und hilft zu verinnerlichen. Das Gestalten mit Ton, Holz, Stein, Papier, Farben, Metall und anderen Werkstoffen begleitet einen Waldorfschüler beinahe sein ganzes Schulleben. Dabei ist weniger von Bedeutung „was am Ende herauskommt", sondern zu erfahren, zu spüren was Gestalten, was Zeichnen, was Schmieden in einem selbst zum Klingen bringt. Ohne Ausdauer und beharrliches Üben wird kaum einem Schüler gelingen, dass zu gestalten, was er sich vorgenommen hat.
Religionsunterricht Die Waldorfschule ist keine Weltanschauungsschule. Ihrem Wesen nach ist sie christlich, konfessionell aber nicht gebunden. Die Eltern bestimmen, welchen Religionsunterricht ihre Kinder besuchen. Neben dem katholischen und protestantischen wird auch der Religionsunterricht der Christengemeinschaft angeboten, wobei die jeweiligen Kirchen ihren Unterricht verantworten. Darüber hinaus bietet die Schule den konfessionslosen freien christlichen Religionsunterricht an. Monatsfeiern Regelmäßige „Monatsfeiern" bieten Schülern die Möglichkeit, der Schulgemeinschaft und der Öffentlichkeit das Erlernte auf der Bühne des Festsaals zu präsentieren. Hier zeigen von den Erstkläslern bis hin zu den Oberstufenschülern die Kinder und jungen Menschen das, was sie gerade im Unterricht bewegen, das eine noch etwas holprig, manches schon wirklich bühnenreif. So entsteht eine intensive Wahrnehmung der schulischen Gesamtentwicklung mit urteilsbildender, motivierender und sozialverbindender Wirkung.
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